Schwärme auf dem Weg in die Selbstständigkeit

Einige hundert Meter -manchmal auch mehr- bis zur neuen Unterkunft

Es ist ein sonniger Freitag im Mai, um die Mittagszeit, ohne viel Wind. Die Bienen beginnen sich eigenartig zu benehmen. Immer mehr Bienen quellen durch das Flugloch nach draußen und versammeln sich in der Luft vor dem Bienenstock. Sie steigen kreisend in die Höhe und es werden immer mehr. Mit zunehmender Anzahl wird es immer lauter. Wir stehen allmählich unter einer großen Wolke lärmender Bienen und glauben kaum, was wir gerade miterleben dürfen. Unsere Bienen schwärmen und wir sind live dabei.

Die Bienen versammeln sich allmählich unter einem Ast einer benachbarten Tanne. Eine kleine Bienentraube bildet sich, erst eine, dann zwei, etwas später vereinigen sich beide Trauben. Die laut rotierende Bienenwolke, unter der wir vor einigen Minuten noch standen, hat sich zu einer Schwarmtraube gesammelt. Die Bienen beruhigen sich allmählich – und wir auch.

Solch eine Schwarmtraube ist etwas Wundervolles, keinesfalls ein Betriebsunfall, sondern von der Natur so gewollt. Und selten gibt es die Gelegenheit, die Honigbienen aus solch einer Nähe nahezu ungestört zu beobachten.

Und nun? Selbst unter den Schwarminkern heißt es jetzt spätestens: „Genug Freiheit für den Moment – Leitern raus!“. Nicht selten endet also das von langer Hand geplante Unternehmen „Schwärmen“ als kurzer Ausflug der Bienen in die Freiheit – und im Schwarmfangkasten des Bienenbetreuers.

Aber wie würde es mit dem Schwarmprozess eigentlich ohne unseren Eingriff weitergehen?

Der Bienenschwarm würde als Nächstes aus der Schwarmtraube heraus mehrere Hundert erfahrene Suchbienen aussenden um neue, für ein Bienenvolk geeignete Behausungen in der näheren und weiteren Umgebung auszukundschaften. Suchbienen sind wahre Meister im Auffinden und Beurteilen von potenziellen Bienenunterkünften mit der notwendigen Größe und den gewünschten Eigenschaften, wie etwa Spechthöhlen, alte hohle Bäume, Hohlräume an Gebäuden oder eben auch vom Menschen bereitgestellte Unterkünfte wie beispielsweise eine Klotzbeute. Sobald die Suchbienen potenzielle Unterkünfte gefunden, mehrfach inspiziert und für gut befunden haben, kehren sie wiederholt zur Schwarmtraube zurück und teilen diese Informationen mit den Bienen in der Schwarmtraube.

Der Bienenforscher Thomas D. Seeley hat den Prozess, „wie die Bienen potenzielle Nistplätze auskundschaften und bewerten, wie sie sich gegenseitig ihre Entdeckungen anpreisen, wie sie offen darüber diskutieren und schließlich zu einem Konsens finden und sich gemeinsam auf den Weg machen“, in seinen Forschungsarbeiten eingehend untersucht und in seinem Buch „Bienendemokratie“ ausführlich beschrieben. Einfach nur lesenwert!

Es folgt ein extrem aufwendiger und komplexer, mitunter Tage andauernder Entscheidungsprozess der Bienen, bei dem mehrere potenzielle Unterkünfte zur Auswahl stehen und deren Vor- und Nachteile „ausdiskutiert“ werden. Sobald innerhalb der Schwarmtraube Einigkeit über die zukünftige Behausung besteht, löst sich diese innerhalb weniger Minuten auf, der gesamte Bienenschwarm erhebt sich erneut in die Luft und macht sich auf den Weg in Richtung der neu auserkorenen Bienenbehausung, um diese zu beziehen. Hierbei werden die Schwarmbienen, zusammen mit der Königin, über mehrere hundert Meter, zum Teil auch Kilometer, durch die mit dem Weg vertrauten Suchbienen zum Ziel geleitet. Der fliegende Bienenschwarm in der Größe eines Schulbusses solle dabei der Form einer „fliegenden Bienenzigarre“ ähneln, so lasen wir. Ein Schauspiel, welches wir umgehend auf die „Liste der 10 wichtigsten Dinge, die man im Leben gesehen haben muss“ setzten.

Eins schien klar: Hätten wir den Seeley-Bestseller bereits vor unserem ersten Bienenschwarm, unter dem wir gerade standen, gelesen, hätten wir diesen mit gänzlich anderen Augen und unter vervielfachter Faszination betrachtet.

Externe Links zum Thema

Thomas D. Seeley, Bienendemokratie – Wie Bienen kollektiv entscheiden und was wir davon lernen können, S. Fischer Verlage, 08/2018

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