Bienenbäume

Die natürlichste aller Bienenbehausungen

Honigbienen sind Waldinsekten. Und ihr bevorzugter Niststandort sind Bienenbäume. Hohle, von innen ausgefaulte Bäume oder Spechthöhlen -in Mitteleuropa bevorzugt die des Schwarzspechtes- werden von den wilden Honigbienen bewohnt.

In einigen Metern Höhe entziehen sich die wilden Honigbienenvölker in ihren Wohnhöhlen nicht nur ihren tierischen Feinden sondern auch dem Blick des Menschen. Man muss lange suchen und es erfordert auch eine ordentliche Portion Glück und Erfahrung, um sie dort oben zu entdecken.

Wild lebende Honigbienen? „Gibt es nicht!“

Es ist noch gar nicht all zu lange her, als dieser kurze Satz unter „Bienenexperten“ noch als Standardantwort auf die vorangestellte Frage galt. Über wild lebende Honigbienen wurde -wenn überhaupt- hinter vorgehaltener Hand gesprochen. Wild lebende Honigbienenvölker ohne imkerliche Betreuung galten als Krankheitsschleudern und Bienenschwärme als Betriebsunfälle ohne Überlebenschance. Hier hat sich in den vergangenen Jahren zum Glück einiges zum Positiven getan und es ist dem Einsatz Einzelner zu verdanken, dass die Rehabilitation der wild lebenden Honigbienenvölker mittlerweile in Gang gekommen ist. Dennoch, die Zahl der Skeptiker ist noch groß und gleichzeitig ist auch klar, dass in den kommenden Jahren noch einiges an Aufklärungsarbeit zu leisten sein wird, bis die wilden Honigbienen in der Breite und in den Köpfen möglichst vieler Menschen angekommen sind. Und zwar nicht als Krankheitsschleuder sondern als Schatz, der gehoben, erforscht und bewahrt werden muss. Wir sind dahingehend zuversichtlich, der Anfang ist gemacht, und wir möchten unseren kleinen Beitrag hierzu leisten.

Einiges an Grundlagenforschung zu den wilden Honigbienen ist in den letzten Jahren bereits gelaufen. Tautz, Seeley, Schiffer, Kohl, Rutschmann, das sind einige Namen neben Anderen, die in diesem Zusammenhang fallen. Die Forschung hat schon einige höchst interessante Erkenntnisse hervorgebracht, aber dies ist sicherlich erst der Anfang, vieles will noch entdeckt werden. Wenn man sich den derzeitigen Stand der Erkenntnisse jedoch einmal anschaut und zu einem ersten Gesamtbild zusammenführt, ist die für uns wichtigste Erkenntnis von allen bereits jetzt glasklar:

Die Lebensbedinungen hier im Wald und in der Wohnhöhle im Bienenbaum unterscheiden sich grundlegend von den Bedingungen, die der Mensch den Honigbienen in seiner Obhut üblicherweise bietet

Honigbienen bevorzugen Wohnhöhlen mit einem Volumen um die 40 Litern, deutlich weniger als in den meisten menschengemachten Bienenbeuten.

Hoch oben in mehreren Meter Höhe findet man die wilden Honigbienen, keinenfalls auf dem kalten Erdboden oder der feuchten Wiese stehend. Wie sagte schon Günter Manke zutreffend: „Bienen sind keine Ameisen.“

Ein Bienenvolk pro Quadratkilometer, je nach Habitat auch einmal mehr oder weniger, das ist in etwa die natürliche Völkerdichte bei den wilden Honigbienen. Man lebt also nicht in Reihenhaussiedlungen sondern auf Abstand!

Das Fünf-Mark-Stück-große Flugloch lässt sich gut gegen Feinde verteidigen und ist für eine Klimatisierung des Stockinneren ausreichend. Es liegt idealerweise auf mittiger Höhe der Baumhöhle, dort wo sich im Frühsommer das fluglochnahe Brutnest befindet. Im Winter, wenn sich die Bienen in die Wintertraube unter das obere Höhlendach zurückziehen, verhindert das kleine Flugloch in mittiger Anordnung einen zu großen Wärmeverlust.

Das Innere der Baumhöhle bietet den Bienen sehr ausgeglichene klimatische Verhältnisse. Nur geringe Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht ermöglichen den Bienen einen geregelten Temperaturhaushalt im Inneren. Je dicker die Höhlenwände und je mehr Masse das Bienenvolk umgibt, umso träger reagiert das System auf Temperaturschwankungen von außen, ein ständiges „Gegensteuern“ des Bienenvolkes wird überflüssig. Auch außerhalb der Baumhöhle im Wald herrschen mit dem dem Wechsel von Licht und Schatten, gebremstem Wind und mittlerer Luftfeuchtigkeit bereits recht ausgeglichene klimatische Verhältnisse vor. Hiervon dürften Bienenvölker in dünnwandigen Holzkisten und vollsonnigem Standort Mittags um 12 Uhr sicherlich nur träumen.

Aufgrund der hervorragenden Wärmedämmung der dicken Höhlenwände lebender oder toter Bäume bietet sich den wilden Honigbienen die Chance, auch mit geringen Honigvorräten über den Winter zu kommen.

Bienenvölker setzen vorallem im Frühsommer bei vollem Brutgeschäft erhebliche Mengen an Wasser in Form von Luftfeuchtigkeit frei, welches durch das Holz der Höhlenwände aufgenommen und zwischengespeichert wird. Die mit Propolis beschichtete Höhlenwand scheinen diesen Mechanismus zu steuern. Im Winter kehrt sich der Feuchtigkeitstransport um, so dass die Bienen in der Wintertraube hinsichtlich ihres Wasserbedarfes hiervon profitieren können.

Ecken und Kanten der menschgemachten Bienenbeuten kennt die natürliche Wohnhöhle der Bienen im besten Falle nicht. Die allseits abgerundete und kompakte Form der Baumhöhle entspricht der kugelförmigen Form des Brutnestes und damit dem Wesen der Bienen. Die Vorteile: ein geringer Wärmeverlust, keine Kältebrücken mit Kondenswasserproblemen und Ecken mit Schimmelbefall als Folgen.

Im einfachsten Fall, bei kleineren Baumhöhlen, füllt das Wabenwerk des Honigbienennestes die Baumhöhle komplett aus. Die Klimatisierung wird für die Bienen einfacher, die einzelnen Wabengassen bilden dabei eigenständige „Klimazonen“.

Während die Bienen für ihr Wabenwerk die oberen Zweidrittel der Wohnhöhle beanspruchen, führt das untere Drittel oft ein Eigenleben. Dort sammelt sich Mulm und allerlei von den Bienen Herabgefallenes wie tote Bienen, ausgeräumt Brut, Wachs-, Pollen- und Propolisreste, abgebrochene Wabenstücke, tote Milben und Parasiten und weitere Abfälle der Bienen. Dort im „Bodensatz“ der Baumhöhle bilden die Resteverwerter der Bienenkollonie ein eigenes kleines Ökosystem aus. Von denen sind der Bücherskorpion und die Kleine und Große Wachsmotte die Bekanntesten. Viele weitere Tierarten und Mikroorganismen warten als Mitbewohner der wilden Honigbienen noch auf ihre genauere Erforschung. Der Mensch wird sich an diese „Unaufgeräumtheit“ in Zusammenhang mit den Honigbienen sicherlich erst gewöhnen müssen.

Ungestörtheit! Auch die wilden Honigbienen müssen sich gegen Feinde wie Spechte, Hornissen & Co. zur Wehr setzen, hierauf sind sie eingerichtet. Aber eins ist klar: Dort oben sind sie hervorragend gegen den „Störenfried Mensch“ geschützt: Keine wöchentliche Kontrolle, keine Schwarmverhinderung, kein Honigklau, keine von den vielen sonstigen imkerlichen Eingriffen – der Mensch bleibt unten! Gerade das scheint uns einer der wichtigsten Pluspunkte für die wilden Honigbienen und deren selbstständiges Überleben zu sein.

Mehr zum Thema

Videos über wilde Honigbienen in Bienenbäumen

Externe Links zum Thema

M. Dettli, Der Bienenbaum von Angenstein, www.summsumm.ch

Ingo Arndt, Jürgen Tautz, Honigbienen, Geheimnisvolle Waldbewohner, Knesebeck-Verlag, 2020

Kohl PL, Rutschmann B. (2018), The neglected bee trees: European beech forests as a home for feral honey bee colonies, PeerJ 6:e4602

Kohl PL, Rutschmann B. (2018), Versteckt und unerforscht: Wild lebende Honigbienen in unseren Wäldern, Deutsches Bienenjournal, Juni 2018

Torben Schiffer, Evolution der Bienenhaltung, Ulmer-Verlag, 2020

Andrzej Oleksa, Robert Gawronski, Adam Tofilski, Rural avenues as a refuge for feral honey bee population, 2013

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